Liebe Freunde, lieber Herr Hohoff,
 
Also sind Zeitreisen doch möglich.
 
Ich sitze zuhause, nach einem Wochenende, das ich so nicht erwartet hatte. Noch immer sortiere ich meine Gedanken.
 
Dem Treffen in der Schule waren viele E-Mails und viel Organisation durch Patrícia vorausgegangen. Und viele Fragen bei mir, viel Unsicherheit. Würde man sich wiedererkennen? Würde man Anschluss finden an eine Zeit, die schon so lange vorbei ist? Zwanzig Jahre – das ist eine unvorstellbar lange Zeit. Es scheint nicht lange her, da wünschte man sich noch, man wäre überhaupt erst so alt, so viel wäre möglich, ein Auto, Studium, ein Job, man würde eigenes Geld verdienen. Und nun, plötzlich, ist die doppelte Zeit vergangen. Alles hat sich verändert. Was würde einen erwarten? Die mehrfachen Hinweise „Bitte pünktlich sein!“ scheinen so völlig untypisch. Wird man überhaupt in die selbe Stadt zurückkehren? Die selben Menschen treffen? Oder ist es eine Illusion?
 
Wir treffen uns auf dem Schulhof, einst so vertraute Gesichter brechen wie Sonnen durch den Nebel meiner Erinnerungen, strahlen mich an. Lange vergessene Namen sind plötzlich wieder da. Ein Puzzle setzt sich zusammen.
 
Portugiesisch umfließt mich, einem warmen Frühlingsregen gleich, ich möchte darin baden, möchte Teil sein. Aber meine Zunge stolpert blind und axtschwingend durch einen verwilderten Garten in meinem Kopf, ich finde nur die Hälfte der Wörter, die ich einmal kannte, es ist mühsam und erregend zugleich. Als jemand, der mit der Sprache arbeitet, fühle ich mich amputiert, fast verzweifelt, frustriert. Warum habe ich diese Sprache nicht noch besser gelernt? Glücklicherweise bin ich unter Menschen, die es mir nicht übel nehmen, wenn ich immer wieder ein unbeholfenes „Como é que se diz Klassenausflug?“ mitten im Satz benutze. Passeio da turma. Ich fühle mich festgehalten, getragen.
 
Die Schule ist eine magische Zeitkapsel. Wie im Traum wandern wir herum, ich staune, dass es diese Gänge, Türen und Räume aus meinen Erinnerungen noch gibt, alles lebt und pulsiert. Ich werde jünger, es ist, als sei keine Zeit vergangen. Ich höre eine Rede, von der ich – oh, könnte ich nur noch besser Portugiesisch! – nur eine Hälfte verstehe, aber diese Hälfte reicht, um mir meinen Hals zuzuschnüren.
 
Beim Abendessen überwältigt mich immer mehr die Herzlichkeit dieses Treffens. Es spielt keine Rolle, was wir heute sind, was jemand erreicht hat oder nicht, es ist nur wichtig, wer wir sind, und dass wir wieder zusammen gekommen sind. Nur selten bekommt man im Leben eine solche Möglichkeit, zurückzublicken auf einen entscheidenden Knotenpunkt im Leben und zugleich auf alle Fäden des Schicksals, die sich von dort entsponnen haben und nun auf so außerordentliche Weise wieder zusammengekommen sind.
 
Skype-Verbindungen werden hergestellt, so dass alte Freunde auch teilhaben können. Eine Liebe liegt in jeder Mühe, die sich überall gemacht wird, anzuknüpfen, festzuhalten. Wieder eine Präsentation, neue alte Erinnerungen. Die Gespräche machen uns deutlich, wie viele Spuren wir alle in den Leben der anderen hinterlassen haben. Wir sind Teile voneinander. Es ist hypnotisch, eine metaphysische Droge. Intensiv und stark wie ein alter, süßer Portwein.
 
Unser lieber, damaliger Direktor, Herr Hohoff, ist bei uns. Ein Monument, manchen ein Mentor, herzlich und sprühend vor Freude. Wellen von liebevollem Respekt umspülen ihn, und von so vielen Seiten höre ich: Er ist der beste Lehrer, den wir je hatten. Mehrfach versucht er sich für die Einladung zu bedanken, aber wir sind es, die uns bedanken und ihm doch nur wenig von dem zurückgeben können, was er uns gegeben hat.
 
Mein Herz ist übervoll von Eindrücken, es schwillt an. Ich war nie ein Mensch, der viele Freunde gehabt hat. Ich war nie gut darin, Kontakte zu knüpfen, sondern immer ein einsamer Wolf, unromantisch, kritisch und zufrieden allein zu sein, mit meinem Kopf, meinen Büchern, meinen Texten, meiner „Logik“. Nun, nach so vielen Jahren überwältigt mich, wie sich mein Herz aufbläht, und ich beginne zu verstehen, dass vor zwanzig Jahren ein Teil meines Herzens in Portugal geblieben ist. Und nun plötzlich ist es wieder da. Das Land, die Sprache, die Stadt, die Gerüche, die Geräusche, die Schule, ihr alle – ihr alle seid ein Teil davon. Jemand möchte meinen Geburtstag wissen. Du weißt, wer du bist – ich auch! … Auf meine Nachfrage bekomme ich zur Antwort: Gute Freunde schreiben sich mindestens zum Geburtstag, und ich möchte eines Tages ein guter Freund von dir sein. Ich bin mehr als sprachlos.
 
Ich verlasse Porto mit Saudades, die Armeen stoppen könnten. Ich verstehe nicht, was passiert ist. Vielleicht bin ich einfach nur alt geworden (38, mein Gott!), rührselig und sentimental. Es war eine Magie, ein Zauber durch uns alle gewoben aus lebendig gewordenen Erinnerungen und Vorstellungen, die zwanzig Jahre lang gewachsen sind und vielleicht wie eine Agave nun eine einzige aber gewaltige Blüte getragen haben. Vielleicht nur für ein Wochenende, vielleicht ohne jemals wiederholt werden zu können. Aber dieses Wochenende war magisch, und ich bin glücklich, ein Teil davon gewesen zu sein.
 
Heimlich hoffe ich, dass es mehr war als eine flüchtige Illusion. Ich kann den Teil meines Herzens, der in Porto schlägt – in jedem von euch -, nicht mitnehmen. Er bleibt zurück. Aber ich hoffe sehr, dass ich zurückkehren kann, bald oder nur wenig später, dass ich ein paar der Kontakte aufrecht erhalten kann, nachholen kann, was ich zwanzig Jahre lang versäumt habe. In Gedanken bleibe ich bei euch, und vielleicht bleiben auch einige bei mir.
 
Mein Postfach, mein Herz, mein Haus, sie bleiben immer offen für euch!
 
Euer doch romantischer und unlogischer,
 
Andreas Wilhelm