Übung 1: Partizip

Zurück zur Startseite Partizip

Zurück zur 1. Seite

PARTIZIPIALKONSTRUKTIONEN

Es gibt im Deutschen zwei Partizipien:

¨     das Partizip I (Partizip Präsens)

ein lachendes Kind - Partizip I  

¨     das Partizip II (Partizip Perfekt)

das reparierte Radio - Partizip II

 

 

  • Oft werden Partizipien attributiv gebraucht, d. h. wie ein Adjektiv.

  • In diesem Fall werden sie auch dekliniert wie ein Adjektiv.

  • Sie erklären und beschreiben das Substantiv, das ihnen folgt.

 

Ich sah viele aufgeregte und schreiende Menschen.

 

1. Partizip I (Partizip Präsens):

 

1. Die Bildung des Partizip I

Das Partizip I wird mit dem Infinitiv + d gebildet:

lachen + d    -    arbeiten + d    -    fahren + d

Ausnahmen bilden die Verben ‘sein’ + ‘tun’:

seiend   -    tuend

Diese beiden Verben werden zumeist in zusammengesetzten Formen (z.B. wohltuend) gebildet.

< Ø Siehe dazu den Abschnitt 5 dieses Kapitels.>

 

2. Die Deklination eines attributiven Partizips

Wenn die Partizipalform attributiv gebraucht wird, muss noch die entsprechende Endung hinzugefügt werden. Die Partizipien werden dann genauso dekliniert wie Adjektive in attributiver Funktion.

Im Zirkus habe ich einen

sprechenden Hund und fliegende Löwen gesehen.

sprechen+d+en fliegen+d+e

 

3. Die Bedeutung

Das Partizip I drückt etwas nicht Abgeschlossenes aus, also einen Vorgang oder Prozess. Es hat immer aktivische Bedeutung: jmd. (oder etw.) macht etwas:

ein fahrender Zug, ein weinender Junge, tanzende Leute, blühende Tulpen

 

4. Umschreibung einer Partizipialkonstruktion

Eine Partizipialkonstruktion kann durch einen Relativsatz ersetzt werden.

Ein fahrendes Auto: Das ist ein Auto, das fährt.

Schwimmende Möwen: Das sind Möwen, die schwimmen.

 

5. Zeitliche Neutralität

Dieser Vorgang/Prozess kann natürlich auch in der Vergangenheit abgelaufen sein. Es muss keinen Bezug zum Präsens geben! (» zeitliche Neutralität!)

Wir haben im Garten viele blühende Blumen.

Helmut Kohl hat 1990 nach der Wiedervereinigung blühende Landschaften im Osten versprochen.

 

  Das Partizip I wird wie ein Adjektiv dekliniert,

wenn es attributiv gebraucht wird.

 

6. Tempus in der Umschreibung

Da die Partizipien (in Partizipialkonstruktionen) - wie gesagt - zeitlich neutral sind und das Partizip I einen Prozess ausdrückt, also etwas, was zur gleichen Zeit wie die Handlung des Hauptsatzes abläuft, wird im Relativsatz immer das gleiche Tempus (Zeitstufe) gebraucht wie im Hauptsatz:

PRÄSENS:  Ich sehe ein schlafendes Kind. = Ich sehe ein Kind, das schläft.

PRÄTERITUM:  Ich sah ein schlafendes Kind. = Ich sah ein Kind, das schlief.

PERFEKT:  Ich habe ein schlafendes Kind gesehen. = Ich habe ein Kind gesehen, das geschlafen hat.

PLUSQUAMPERFEKT:  Ich hatte ein schlafendes Kind gesehen. = Ich hatte ein Kind gesehen, das geschlafen hatte.

   

 

Sehen Sie zu Abschnitt 1 folgende Übungen:

Übung 1: Partizip I einsetzen

Übung 2: Relativsatz in PI umwandeln

Übung 3: Aus einem Partizip 1 einen Relativsatz bilden

 

2. Partizip II (Partizip Perfekt):

 

1.  Bildung des Partizip II

Das Partizip II wird fast immer wie folgt gebildet:

- ge + Stamm + t (regelmäßige und gemischte Verben)

- oder mit ge + (unregelmäßiger) Stamm + en (unregelmäßige Verben):

ge-mach-t, ge-schlaf-en, ge-kann-t.

(Ausnahmen: Verben auf -ieren und untrennbare Verben bilden das Partizip II ohne ge:

fotografiert, verlassen, demonstriert, bekommen.

 

 Auch das Partizip II wird wie ein Adjektiv dekliniert,

wenn es attributiv gebraucht wird:

 

Ich habe den reparierten und gewaschenen Wagen aus der Werkstatt geholt.

 

2. Bedeutung des Partizip II

Das Partizip II drückt etwas Abgeschlossenes aus, ein Resultat:

der gebackene Kuchen,

der geschriebene Text,

die aufgeblühte Rose.

Das bedeutet:

  • Der Kuchen ist schon gebacken / schon fertig.

  • Der Text ist schon geschrieben /schon fertig.

  • Die Rose ist schon aufgeblühlt. / Sie blüht schon.

 

3. Umschreibung des Partizip II

Auch das Partizip II kann durch einen Relativsatz ersetzt werden:

Ein gefangener Fisch ist ein Fisch, der gefangen worden ist/wurde.

Ein gestorbener Dichter ist ein Dichter, der gestorben ist.

 

4. Verben der Zustandsveränderung

Transitive Verben

In Partizipialkonstruktionen kann das Partizip II nur von transitiven Verben und Verben, die eine Zustandsveränderung ausdrücken, gebildet werden.

 

Verben der Zustandsveränderung:

aufblühen, aufgehen, erkranken, sterben, untergehen, verblühen, wachsen, sowie: böse/krank werden u. a.

 

5. Transitive Verben in Passiv verwandeln

Das Partizip II eines transitiven Verbs wird in einem Relativsatz durch Passiv ausgedrückt.

die gekochten Kartoffeln = die Kartoffeln die gekocht worden sind

 

6. Verben der Zustandsveränderung:

Aktiv oder Passiv?

Das Partizip II eines Verbs, das eine Zustandsveränderung ausdrückt, wird in einem Relativsatz durch Aktiv (Perfekt oder Plusquamperfekt) ausgedrückt.

Die gekochte Suppe: Die Suppe, die gekocht worden ist. (+  'kochen' ist ein transitives Verb)

Die aufgeblühte Rose: Die Rose, die aufgeblüht ist. (+  'aufblühen'  ist ein Verb der Zustandsveränderung)

 

 

 

Sehen Sie zu Abschnitt 2 folgende Übungen:

Übung 4: Partizip II einsetzen

Übung 5: Relativsatz in ein Partizip II umwandeln

 

 

3. Vergleich: Prozess oder Resultat?

 

Partizip I

Prozess - etwas passiert

 gerade

Partizip II

Resultat - etwas ist abgeschlossen

das sinkende Schiff

das gesunkene Schiff

die kochende Suppe

die gekochte Suppe

der sterbende Wolf

der gestorbene Wolf

die scharf schneidende Schere

die geschnittenen Haare

der schreibende Schriftsteller

der geschriebene Roman

 

Beachten Sie:

Natürlich können nicht alle Verben in Partizipialkonstruktionen mit Partizip I + II verwendet werden: Vergleichen Sie:

Die singende Hausfrau ist eine Hausfrau, die singt.

Aber: Gibt es eine gesungene Hausfrau? Ist das eine Hausfrau, die gesungen worden ist???

Das reparierte Dach ist ein Dach, das repariert worden ist.

Aber: Gibt es ein reparierendes Dach? Ist das ein Dach, das (sich selbst) repariert???

   

                                         Zusammenfassung:

Partizip I

Partizip II

Handlung oder Prozess

etwas Abgeschlossenes, ein Resultat

 

 

aktivische Bedeutung

meist passivische Bedeutung

(aktivische Bedeutung nur bei Verben der Zustandsveränderung)

beide: zeitlich neutral

Verwendung als Attribut oder als Adverb

beide (Attribute): können in einen Relativsatz umgeformt werden

 

Sehen Sie zu Abschnitt 3 folgende Übungen:

Übung 6: Partizip I oder Partizip II

Übung 7: Partizipialkonstruktionen: Prozess oder Resultat

Übung 8: Relativsätze formulieren

   

 

4. Das erweiterte Partizip

                   das von mir um viele Elemente erweiterte Partizip

  Probleme der Satzstellung

Oft gehören zu einem Partizip als Attribut noch andere Elemente wie Angaben, Adverbien etc. Diese stehen dann immer direkt vor dem Partizip:

 

 

Ich sehe die Kinder, die spielen.

 Ich sehe die spielenden Kinder.

 

 

Ich sehe die Kinder, die am Strand spielen.

 Ich sehe die am Strand spielenden Kinder.

 

 

Ich sehe die Kinder, die fröhlich am Strand spielen.

  Ich sehe die fröhlich am Strand spielenden Kinder.

 

 

Ich sehe die Kinder, die fröhlich am Strand mit dem Ball spielen.

  Ich sehe die fröhlich am Strand mit dem Ball spielenden Kinder.

 

Nach dem gleichen Prinzip:

ein laut singendes Kind

der gestern an Krebs gestorbene Politiker

der auf dem Tisch stehende, dampfende Kaffee

die in der Bibliothek für die Prüfung lernenden, fleißigen Studenten

 

 

Eine Partizipial-

Pyramide

Ein Kind, das schläft.

= ein schlafendes Kind

 

 

Ein Kind, das allein schläft.

= ein allein schlafendes Kind

 

 

 

Ein Kind, das allein im Zimmer schläft.

= ein allein im Zimmer schlafendes Kind

 

 

Ein Kind, das ungern allein im Zimmer schläft.

= ein ungern allein im Zimmer schlafendes Kind

 

Ein Kind, das vermutlich ungern allein im Zimmer schläft.

= ein vermutlich ungern allein im Zimmer schlafendes Kind

 

Sehen Sie zu Abschnitt 4 folgende Übungen:

Übung 9: Das erweiterte Partizip

 

5. Die Partizipien als Adjektive

Häufig gebrauchte Partizipien I

Es gibt eine ganze Reihe von Partizipien, die zumeist von Verben mit einer psychischen Bedeutung abgeleitet worden sind und die als Adjektive verwendet werden.

Natürlich gibt es viele Partizipien, die häufig als Adjektive gebraucht werden. Hier eine ...

kleine Liste der Adjektive, die ursprünglich P I waren:

 

abstoßend

anregend

aufregend

beeindruckend

befriedigend

belastend

beleidigend

beunruhigend/

   beruhigend

einleuchtend

empörend

entnervend/

   nervend

entscheidend

erregend

erschütternd

irritierend

kränkend

rührend

spannend

störend

unterhaltend

wohltuend

leidend

verlockend

zwingend

Er war enttäuscht von ihr. Er war ein enttäuschter Liebhaber.

Sie war beeindruckt. Sie machte ein beeindrucktes Gesicht.

Die Theorie schien einleuchtend zu sein. Es war eine scheinbar einleuchtende Theorie.

Der Gedanke war verlockend. Es war ein sehr verlockender Gedanke.

Er blieb sehr gelassen. Er zeigte auf die Nachricht eine sehr gelassene Reaktion.

Der Film war spannend.<prädikativ> Das war ein spannender Film. <attributiv>

Dein Verhalten ist sehr störend.

Der Anblick der vielen Betrunkenen war sehr abstoßend.

Sie empfand die Arbeit auf der Krebsstation als sehr belastend.

Häufig gebrauchte Partizipien II

Kleine Liste der Adjektive, die ursprünglich P II waren:

aufgeregt

beeindruckt

begeistert

besorgt

betrunken

empört

entsetzt

enttäuscht

erfahren

erfreut

erleichtert

erschrocken

erstaunt

geeignet

gelassen

schockiert

überrascht

verärgert

verblüfft

verwirrt

verwundert

 

 

Ich war erstaunt, als ich ihr erschrockenes Gesicht sah.

Die Fußgänger waren empört, als der betrunkene Autofahrer nicht am Zebrastreifen hielt.

 

Sehen Sie zu Abschnitt 5 folgende Übung:

Übung 10: Multiple-Choice-Test

 

 

6. Die Partizipien als Adverbien

 

Als Adverb meistens 'modal'

Ein Partizip kann auch als (zumeist modales) Adverb verwendet werden. Dann wird es aber natürlich nicht dekliniert!

Lachend kamen die Leute ins Kino.

Laut schimpfend stürzte der Nachbar in den Garten.

Verärgert gab ich ihm sein Buch zurück.

Erschrocken ließ sie die Vase fallen.

 

  Wie?

Lachend.

Laut schimpfend.

Verärgert.

Erschrocken.

 

Zu Hause angekommen machte er sich ein Brot.

Wann?

zu Hause angekommen

 

Sehen Sie zu Abschnitt 6 folgende Übung:

Übung 11: Partizipien als Adverb

 

 

7. Partizipien als Substantive

 

Substantivisch gebrauchte Partizpien deklinieren

Natürlich können Partizipien auch als Substantive verwendet werden. Auch diese werden wie Adjektive dekliniert. In der Regel bezeichnen sie Personen, sind also im Genus zumeist maskulin/feminin. Seltener, aber auch (!), werden Dinge bezeichnet. Zu den bekanntesten (substantivisch gebrauchten) Partizipien gehören:

  • der/die Verliebte (ein Verliebter/eine Verliebte)

  • der/die Angestellte

  • der/die Betrunkene

  • der/die/das Beschriebene

  • der/die/das Bekannte

  • der/die Verletzte...

 

Sehen Sie zu Abschnitt 7 folgende Übung:

Übung 12: Substantivformen einsetzen

 

 

8. PARTIZIPIALKONSTRUKTIONEN MIT „zu“

 

Erster Grundsatz:

 Das Partizip I mit dem Wörtchen „zu“ (ohne Erweiterung) drückt eine Notwendigkeit aus!

 

zu lernende Verben = Verben, die gelernt werden müssen  <passivisch>

                                   = Verben, die man lernen muss <aktivisch>

 

Diese Regel gilt auch, wenn eine Temporalangabe hinzukommt.

rechtzeitig einzureichende Noten 

  • = Noten, die rechtzeitig eingereicht werden müssen

  • = Noten, die man rechtzeitig einreichen muss

  Auf Portugiesisch entspricht diese Konstruktion meist „a + infinitivo“

verbos a (para)  estudar

 

Zweiter Grundsatz:

Das erweiterte Partizip I mit dem Wörtchen „zu“+ einem modalen Adverb (oder + Negation) drückt eine Möglichkeit aus!

 

leicht zu lernende Verben

  • = Verben, die leicht gelernt werden können <passivisch>

  • = Verben, die man leicht lernen kann <aktivisch>

 

Diese Erweiterung kann aus einem modalen oder lokalen Adverb oder aus einer Negation bestehen.

 

Auf Portugiesisch entspricht diese Konstruktion meistens „de + infinitivo“.

leicht zu lernende Verben = verbos fáceis de aprender

Alle diese Konstruktionen aus dem 2. Grundsatz können auch mit lassen + Infinitiv“ ausgedrückt werden.

 

leicht zu bearbeitendes Material

  • = ein Material, das man leicht bearbeiten kann

  • = das leicht bearbeitet werden kann

  • = das sich leicht bearbeiten lässt

 

Die Grundsätze 1 und 2 dienen der Vereinfachung + Orientierung!!! 

Oft ist diese Bedeutung der Konstruktion mit „zu“ + P I kontextabhängig.

 

Partizipialkonstruktionen mit „zu“

           í                   î

„zu“ + Partizip I + Nomen

modales Adverb + „zu“ + Partizip I + Nomen

Notwendigkeit

Möglichkeit

müssen

können

eine zu lösende Aufgabe

= eine Aufgabe, die gelöst werden muss

eine leicht zu lösende Aufgabe

= eine Aufgabe, die leicht gelöst werden kann

Und denken Sie daran: Beim Infinitiv eines trennbaren Verbs steht das „zu“ zwischen Präfix und Verb:

einzukaufen, vorzubereiten …

 

Sehen Sie zu Abschnitt 8 folgende Übungen:

Übung 13: Eine passende Partizipialform

Übung 14: Partizipialform mit "zu"

 

 

Sehen Sie als Wiederholung dieses Grammatikkapitels folgende Übung:

Übung 15: Ein DDR-Witz

 

Übung 1: Partizip

Zurück zur Startseite Partizip

Zurück zur 1. Seite

copyright © Anette Kind /Ulrich Kamien