Migrantinnen und Migranten sind vielfältig
ABSCHNITT 1
Wenn wir von Migrantinnen und Migranten, Migration und Menschen mit Migrationshintergrund schreiben, benutzen wir damit einen Sammelbegriff für eine äußerst unterschiedliche Gruppe von Menschen. MigrantInnen unterscheiden sich: In der Dauer ihres Lebens in Deutschland (oder auch dessen ihrer Eltern und Vorfahren), in ihren Herkunftsländern (oder denen ihrer Eltern und Vorfahren), ihrer Mutter- oder Hauptsprache (in vielen Fällen Deutsch), ihrer sozialen Situation, ihrem rechtlichen Status, ihrer kulturellen und religiösen Orientierung, ihres Geschlechtes und nicht zuletzt ihren ganz persönlichen Lebensumständen. MigrantInnen sind also keine einheitliche Gruppe. Sie verbindet aber, dass sie oder ihre Vorfahren aus einem anderen Land stammen und dass sie - wiederum ganz unterschiedlich starken - Ausgrenzungen, Diskriminierungen und Rassismus von beträchtlichen Teilen der Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt sind.
ABSCHNITT 2
Die Gruppe der MigrantInnen im Sinne der (nichtdeutschen) Staatsbürgerschaft umfasst seit mehreren Jahren konstant etwa 7 Millionen Menschen. Menschen mit Migrationshintergrund gibt es weit mehr. Viele der MigrantInnen ohne deutsche Staatsbürgerschaft sind fest in Deutschland verwurzelt. Das Staatsangehörigkeitsrecht, das im Jahre 2000 in Form eines Kompromisses im Bundesrat in Kraft trat, hat manche Verbesserungen mit sich gebracht (z.B. Einbürgerungsmöglichkeit nach 8 statt bisher nach 15 Jahren, grundsätzliche Einbürgerungsmöglichkeit für hier geborene Kinder), aber auch wesentliche Mängel: Die doppelte Staatsangehörigkeit ist grundsätzlich nicht vorgesehen, der Erwerb der Staatsbürgerschaft ist bei Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfebezug drastisch erschwert worden. Jahr für Jahr erwerben derzeit etwa 180.000 Menschen die deutsche Staatsbürgerschaft. Das heißt, es gibt seit den achtziger Jahren eine quantitative Zunahme, die jedoch weit unter den Erwartungen der Bundsregierung liegt.
ABSCHNITT 3
Migration ist für Deutschland überhaupt keine neue Erscheinung. Richtig ist vielmehr, dass Deutschland über Jahrhunderte hinweg ein Land von Ein-, Durch- und Auswanderung war und dass es einen ethnisch eindeutigen Deutschen nicht gab und gibt. Die Gründe für die Ein- und Auswanderung nach und aus Deutschland sind wiederum vielfältig: persönliche, politische, soziale und wirtschaftliche. Armut, die Suche nach Arbeit und einer besseren Zukunftsperspektive waren für die Auswanderer aus Deutschland und anderen europäischen Ländern (z.B. Irland, Italien, Polen), die vor allem im 19. Jahrhundert in die USA, aber auch nach Argentinien, Australien und andere Länder auswanderten, genauso wichtige Gründe wie für die meisten Menschen, die heute aus Mittel- und Osteuropa sowie vor allem aus Afrika, Lateinamerika und Asien in die Europäische Union einwandern.
ABSCHNITT 4
Im 19. Jahrhundert wanderten z.B. viele Menschen aus dem heutigen Polen in das Ruhrgebiet ein, wo sie in der wachsenden Metallindustrie und den Bergwerken arbeiteten. In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland lassen sich verschiedene Phasen der Zuwanderung und der Debatten um Migration ausmachen. Unmittelbar nach 1945 kamen unter schwierigsten sozialen und wirtschaftlichen Umständen mehr als 10 Millionen (zumeist deutschsprachige) Flüchtlinge aus ehemals von Deutschland beherrschten Gebieten in die Bundesrepublik, weit mehr als in jeder anderen Migrationswelle vorher und später. Ab 1955 warben Staat und Wirtschaft gezielt "Gastarbeiter" aus dem Ausland (Italien, Griechenland, Portugal, Spanien, Türkei, Jugoslawien u.a.) an. Zunächst kamen zumeist junge Männer, die für einfache Industriearbeiten in der boomenden Nachkriegswirtschaft gesucht wurden und die nach wenigen Jahren, manchmal auch nur Monaten, in ihre Heimatländer zurückkehren sollten. Die "Gastarbeiter" blieben länger und begannen, ihre Familien nachzuholen, verstärkt seit 1973. In der Folge wurden aus Gastarbeitern Einwanderer, ohne dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft dies lange Zeit akzeptieren wollte, obwohl eine neue Generation von "Ausländern" in Deutschland geboren wurde und aufwuchs.
ABSCHNITT 5
In den achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre kam eine wachsende Gruppe von AsylbewerberInnen nach Deutschland, obgleich nur ein sehr kleiner Teil der weltweit flüchtenden und migrierenden Menschen Europa oder gar Deutschland als Ziel hatte. Die heftige und manchmal hysterische Debatte um die AsylbewerberInnen, die vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen waren, führte 1993 zur drastischen Einschränkung des Asylrechtes im Grundgesetz. Infolgedessen sanken die Asylantrags- und Asylanerkennungszahlen, aber gleichzeitig stieg die Zahl der AsylbewerberInnen in anderen EU-Staaten, und in Deutschland nahm die Zahl von Menschen zu, die illegal hier leben.
ABSCHNITT 6
Eine erhebliche Zuwanderung fand in diesem Zeitraum durch SpätaussiedlerInnen aus Osteuropa statt, die jedoch als Deutsche gelten und daher eine ungleich bessere rechtliche Situation als die anderen MigrantInnen haben. Soziale und Integrationsprobleme erleben jedoch auch die AussiedlerInnen. Auch die DDR holte Arbeitskräfte aus Vietnam, Angola, Kuba in ihr Land - wenn auch im Rahmen der "sozialistischen Bruderhilfe". Ziel war zunächst ihre Ausbildung; sukzessive wurden ihnen aber immer stärker unqualifizierte Aufgaben zugewiesen. Ihre Integration in die Gesellschaft wurde kaum gefördert. Nach 1990 versuchte die Bundesregierung diese Menschen in ihre Länder zurückzuschicken. Wenige schafften es, sich auf Grund ihrer erworbenen Rechte einen Aufenthaltstatus in Deutschland zu sichern.
ABSCHNITT 7
Weltweit migrieren und flüchten weit mehr Frauen als Männer. Aufgrund der ungleichen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt und ihrem ungleichen Zugang zu Ressourcen wird von einer "Feminisierung der Armut" gesprochen. "Frau-Sein" und "Ausländerin-Sein" zieht spezifische Ausschlüsse nach sich. Das Bild der Migrantin ist geprägt von der manchmal gut gemeinten, aber letztlich diskriminierenden Vorstellung einer "Dritte-Welt-Frau", die unterdrückt, abhängig, hilflos und ungebildet ist. Damit werden ihnen eigene Handlungsmöglichkeiten per se abgesprochen. Je höher die Qualifizierung, die Absicherung und die Bezahlung sind, desto weißer und männlicher ist die Belegschaft. Demgegenüber besteht die Mehrheit der prekarisiert, d.h. hinsichtlich des Einkommens, der Arbeitsplatzsicherheit, der Arbeitszeit flexibel und ungesichert Beschäftigten aus Frauen. Darunter sind Migrantinnen überproportional vertreten, und unter diesen wiederum die schätzungsweise ½ bis 1 ½ Millionen in Deutschland illegal lebenden Menschen. Sie putzen, kochen, servieren, leisten Sexarbeit, betreuen Kinder und Alte in den Haushalten.