Großes Vertrauen in die Deutschen
Times"-Korrespondent Roger Boyes zu WM-Pannen
Streit um die WM-Tickets, Mängel in den WM-Stadien, Absage der WM-Eröffnungsgala - wie wird diese Pannenserie im Ausland wahrgenommen?
(Anmerkung: WM = Weltmeisterschaft)
sport.ARD.de sprach darüber mit Roger Boyes. Der 53-Jährige ist Deutschlandkorrespondent der Londoner Tageszeitung "Times". Er lebt seit 13 Jahren in Deutschland.
(Anmerkung: ARD = Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands; das 1. Deutsche Fernsehen)
Herr Boyes, nach den Flops in der jüngsten Vergangenheit dürfte die britische Boulevardpresse ja eigentlich genug Stoff haben, um sich bis zur WM über die Deutschen lustig zu machen. Oder?
Boyes: Natürlich gibt es schon ein bisschen Schadenfreude. Wir wollten ja auch diese WM haben. Falls Sie aber darauf hinauswollen, dass jetzt in England eine Welle der Verächtlichmachung aufkommt, liegen sie falsch.
Was bewegt denn dann die britischen Medien und die Öffentlichkeit zum Thema "Fußball-WM?
Boyes: Uns interessiert nur der Fußball und ob England ins Finale kommt. Im Ernst: Unser größtes Augenmerk liegt derzeit auf dem Thema "Hooligans". Was machen wir, damit die Hooligans von der WM fortbleiben? In diesem Zusammenhang sind wir natürlich bei der Mängel-Studie etwas erschrocken. Aber auch dort wurden nur die Mängel verstärkt wahrgenommen, die im Zusammenhang mit dem Hooliganismus bedeutsam sind, etwa fehlende Fluchtwege.
Das heißt, das, was die deutsche Volksseele seit Wochen bewegt, interessiert in England wenige?
Boyes: Richtig. Denn die Probleme mit der Ticketvergabe hat es schon bei den Veranstaltungen vorher gegeben. Und dass die Eröffnungs-Gala abgesagt wurde, ist überhaupt nicht interessant für englische Leser. Vielleicht war es so sogar besser, denn im Hinblick auf die Olympischen Spiele 1936 in Berlin und ihre Eröffnungsveranstaltung haben wir eher ein etwas mulmiges Gefühl gehabt.
Also ist der Ruf der Deutschen als "Organisationsweltmeister" auf der Insel nicht angekratzt?
Boyes: Nein, überhaupt nicht. Ich habe insgesamt gut 15 englische Medienberichte zu diesem Thema gelesen. Davon waren nur zwei ansatzweise kritisch. Man hat bei uns großes Vertrauen in die Deutschen und ihre Fähigkeiten. Den Werbespruch "Vorsprung durch Technik" nehmen wir bei uns wörtlich. Im Moment müsste man den allerdings umwandeln in "Vorsprung durch Panik". Die Deutschen versuchen, von Anfang an bei allem perfekt zu sein. Die Engländer kommen bei dieser Psychologie nicht mit. Sie glauben, wo es Pannen gibt, sind diese dazu da, um gelöst zu werden.
Also ein Kopf-Problem der Deutschen?
Boyes: Ja es scheint, als hätten die Deutschen kein Vertrauen in sich. Denn die Engländer haben das Gefühl, die Deutschen werden das schon schaffen.
In deutschen Medien häufen sich momentan die Berichte über die wirtschaftlichen Effekte und den Nutzen der WM. Interessiert das die Engländer?
Boyes: Nein, diese Verbindung zwischen Fußball und Wirtschaft in der öffentlichen Meinung gibt es in England nicht. Unsere Dynamik ist anders. Hinzu kommt: Die WM ist zur Zeit noch ein sehr deutsches Ereignis. Sie finden in den englischen Medien momentan weder viele Berichte abseits des Sports, noch Boulevard-Attacken wie: "Achtung Fritz, wir kommen." (Anmerkung: “Fritz” ist der englische Nickname für die Deutschen.)
Wie empfinden sie die aktuelle Stimmung als Engländer, der seit neun Jahren in Deutschland lebt?
Boyes: Die Deutschen neigen für mich zur Selbstzerfleischung. Sobald ihr Organisationstalent und ihr Fleiß in Frage gestellt sind, sind sie verunsichert. Ich, und ich glaube auch die Engländer, verstehen diese Verunsicherung nicht. Man muss aus den Fehlern lernen. Ich habe schon in einigen Ländern gearbeitet, aber diese Dynamik, die manchmal fast an Hysterie grenzt, kenne ich nur aus Deutschland.
Das Gespräch führte Hartmut Bick
Fundort: www.sportschau.de
Stand: 17.01.2006, 07:53 Uhr