Leseverstehen II, Teil 1

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Sprache im Fluss
von Helmut Glück

Dieser Text stammt aus dem Magazin "Deutschland". Er ist dem Heft 6/2003 (November/Dezember) entnommen.

Abschnitt 1
Deutsch ist die meist gesprochene Muttersprache in der Europäischen Union. 90 Millionen Menschen wachsen mit ihr auf, 50 Millionen sprechen sie als Fremdsprache. Deutsch ist lebendig, wandelt sich, nimmt Strömungen und Moden auf, spielt mit ihnen. Nicht alles dient dem guten Stil - aber auch der wird gepflegt. Ein Überblick über Tendenzen der deutschen Sprache

Abschnitt 2
Hast du Problem oder was?" Diese Wendung entstammt einer Kunstsprache von Jugendlichen, die das Deutsch türkischer Hauptschüler imitiert. Sie ist inzwischen in Spielfilme, in die Comedy und die Werbung eingegangen. Man kann sie etwa so übersetzen: "Ist etwas nicht in Ordnung mit dir? Fehlt dir etwas?". Diese Kunstsprache heißt Kanak Sprak. Sprak heißt Sprache, falsch ausgesprochen, und Kanake ist ein böses Schimpfwort für Leute, die ausländisch aussehen und gebrochen Deutsch sprechen. Indem diese Jugendlichen ein Schimpfwort verwenden, um ihre Sprechweise zu bezeichnen, nehmen sie ihm seine abwertende Bedeutung und drehen den Spieß um: "Hört her, unsere Sprechweise ist etwas Besonderes, sie ist knapp, rhythmisch, rappend, wir finden sie schön, und die Erwachsenen können sie nicht: Voll krass, ey!" (was so viel heißt wie: wirklich in Ordnung, sehr schön). Wer Deutsch lernen will, lernt aber in der Regel Hochdeutsch und keinen Jugendjargon.

Abschnitt 3
"Richtig" und "anders"
Wenn jemand, der ordentliches Deutsch gelernt hat, zum ersten Mal nach Deutschland reist, bekommt er trotzdem oft einen Schrecken: Die Deutschen sprechen ja ganz anders, als ich das gelernt habe! Sie sprechen viel schneller als wir im Klassenzimmer, sie lassen viele Endungen weg, sie verschlucken ganze Silben, man versteht sie kaum! Seien Sie beruhigt: Bald werden Sie dieses Alltagsdeutsch verstehen. Sie werden feststellen, dass in Deutschland fast nur in den Fernsehnachrichten und im Theater "richtiges" Hochdeutsch gesprochen wird und dass man die Leute in Hannover besser versteht als in Dresden, München oder Köln. Aber auch in Dresden, Köln und München spricht man Deutsch, wenn auch ein bisschen anders, denn jede Region hat ihren besonderen Tonfall. Außerdem ist die Art und Weise, wie die Leute sprechen, von weiteren Faktoren abhängig. Warenhausverkäuferinnen und Bauarbeiter sprechen anders als Gymnasiallehrer und Chefsekretärinnen, Leute vom Land anders als Stadtbewohner. Und jeder Einzelne von ihnen passt sich unterschiedlichen Situationen auch sprachlich an: In der Familie oder in der Kneipe geht es lockerer zu als beim Behördengang oder beim Elternabend. Noch bunter wird das Bild, wenn man Berufs- und Sondersprachen berücksichtigt. Man kann sie hören, wenn Jugendliche sich über die Kurventechnik von Motorrollern, Taxifahrer über ihre Schichteinteilung oder Verkäuferinnen über schwierige Kunden unterhalten. Und natürlich sprechen die Jungen etwas anders als die Älteren. Sie verwenden allerdings nur selten die Kanak Sprak. Üblicherweise sprechen sie ganz normales Deutsch.

Abschnitt 4
Sprechen Sie Deutsch?
Das deutsche Sprachgebiet ist historisch in drei Teile gegliedert. Im Norden spricht man auf dem Lande Niederdeutsch, sonst Hochdeutsch mit Eigenheiten in der Aussprache (man sagt dort S-tau statt Schtau und S-paß statt Schpaß). Im Süden sind die oberdeutschen Dialekte Bairisch und SchwäbischAlemannisch noch heute sehr lebendig, und dazwischen spricht man Mitteldeutsch von Dresden (Sächsisch) über Frankfurt (Hessisch) bis Trier (Moselfränkisch). Fast überall wird aber auch Hochdeutsch gesprochen, auch in Wien (Österreich), das zum bairischen Dialektgebiet gehört. Nicht aber in der Schweiz. Dort ist das Hochdeutsche zwar Schriftsprache und wird an den Schulen gelehrt, aber viele Deutschschweizer können es nicht sprechen, was der Schweizer Regierung Sorgen macht.

Abschnitt 5
Doch nicht nur in den deutschsprachigen Ländern spricht man Deutsch, sondern auch in einigen Nachbarregionen, in denen das Deutsche Minderheitensprache ist, etwa in Ostbelgien, in Südtirol oder in Nordschleswig. Im Elsass und in Lothringen sind das Alemannische und das Rheinfränkische auf dem Lande noch teilweise lebendig. Außerdem spielt das Deutsche als Fremdsprache in vielen Ländern eine wichtige Rolle, vor allem in Mittel- und Osteuropa, aber auch in Finnland und in den Niederlanden, in Kamerun, Kasachstan und Georgien. Fast 20 Millionen Schülerinnen, Schüler und Studierende lernen weltweit Deutsch, und mindestens 50 Millionen Menschen haben gute Kenntnisse des Deutschen als Fremdsprache.

Abschnitt 6
90 Millionen Muttersprachler
Worum handelt es sich bei dieser Sprache, die für über 90 Millionen Menschen in Mitteleuropa Muttersprache und für über 50 Millionen eine geschätzte Fremdsprache ist? Sie ist seit 1200 Jahren bezeugt, besitzt seit etwa 200 Jahren einen hochsprachlichen Standard und ist beständig in Bewegung. Das sollen einige Beispiele verdeutlichen. Es gibt Modeadjektive, mit denen man besonders gute Dinge und hohe Zufriedenheit bezeichnet. Um 1900 verwandte man dafür Wörter wie famos, kolossal oder allerliebst, die heute völlig veraltet sind. Wer vor 40 Jahren aufgewachsen ist, sagt heute noch manchmal knorke oder dufte, was die Jungen putzig finden. Die sagen spitze, irre, super, grell, fett, geil oder eben: voll krass, ey!, wenn sie etwas "cool" finden.

Abschnitt 7
Eine große, oft übergroße Rolle spielen Entlehnungen aus dem Englischen und Bildungen, die es im Englischen gar nicht gibt, zum Beispiel Handy (Englisch: mobile phone). Es gibt Bereiche, in denen es keine deutschsprachigen Terminologien mehr gibt, etwa in der Technik und in der Wirtschaft, aber auch im Alltag. In Tageszeitungen werden Stellen angeboten für Facility Management Consultants, Lotus Notes Workgroup Demand Managers und Senior Mechanical Developers for RF-Devices - was das ist, wissen allenfalls Fachleute. Nicht jeder Fluggast der Lufthansa weiß, was ein Standby oneway Upgrade-Voucher ist, und jemand, der sich Winterstiefel kaufen will, wird eher verstört reagieren, wenn ihm der Verkäufer ein Dee Luxe Retention System mit integrierten Powerloops anpreist. Die Warenwelt und die Werbung sind voll von teilweise absurden Anglizismen, die nicht verstanden werden. Der Slogan einer Ladenkette "come in and find out" wurde von den meisten Leuten übersetzt mit "komm rein und find wieder raus" - so war er natürlich nicht gemeint. Englisch-Amerikanisches gilt vielen als progressiv und innovativ, und das hinterlässt auch in der Sprache Spuren. Entsprechend heftig sind die Kontroversen über dieses Denglish.

Abschnitt 8
Phantasie und Stilblüten
Doch auch andere Sprachen spielen bei Entlehnungen eine Rolle. So gibt es viele Phantasiebildungen mit dem italienischen Steigerungssuffix -issimo, das große Intensität und höchstes Maß ausdrücken soll. Alfredissimo ist eine Unterhaltungssendung im Fernsehen, die ein Moderator namens Alfred gestaltet, cremissimo ist ein Milchprodukt von höchst cremiger Beschaffenheit, komfortissimo sind Schuhe, die sehr bequem sein wollen. Oft werden Fachbegriffe in Alltagszusammenhängen verwendet. Das gibt ihnen den Schein von Seriosität. Schnelle Entwicklungen beliebiger Art werden - in Unkenntnis des physikalischen Hintergrundes - Quantensprung genannt, irgendwelche Zusammenhänge heißen modular oder vernetzt, wünschenswerte Veränderungen sollen nachhaltig sein, und viele Politiker halten sich für effizient und innovativ.

Abschnitt 9
Im Geschäftsleben ist Unverwechselbarkeit lebenswichtig, sowohl bei den Produkten und den Slogans als auch bei den Firmennamen. Besitzer einfacher Ladengeschäfte haben es da schwer, weil die Konkurrenz sehr groß ist. Dieser Zwang zu "Originalität" hat beispielsweise bei den Friseuren erstaunliche Blüten getrieben. Einst hießen ihre Läden Friseursalon; Salon heißen heute fast nur noch Geschäfte, die sich der Hundepflege widmen. Später nannte der Firmenname oft den Namen des Besitzers beziehungsweise der Besitzerin (gern mit dem im Deutschen nicht existenten sächsischen Genitiv): Hugo's Haar Haus, Moni's Lockenstudio. Heute deutet er manchmal den Geschäftszweck immerhin noch an, Hair Factory, Hairlich, Die Locke. Mitunter sind die Namen aber so originell, dass kein Mensch mehr versteht, worum es geht - Krehaartiv, Headhunter oder Schnittstelle. Sie sind ohne die Schaufenster oder das Ladenschild nicht mehr verständlich, und sie werden immer dämlicher.

Abschnitt 10
Eine andere Mode ist die Herstellung von Kurzwörtern mittels der Endungen -i oder -o. Mitunter wird einfach die erste Silbe eines Wortes genommen und durch ein -i oder ein -o abgeschlossen, zum Beispiel Alki "Alkoholiker", Zivi "Zivildienstleistender". Man kann auf diese Weise auch Substantive aus Adjektiv- und Verbstämmen bilden - Brutalo "gewalttätige Person", Schlaffi "antriebsarme Person". Eigennamen Prominenter werden auf diese Weise verniedlicht, wie Gorbi "Gorbatschow", Klinsi "Klinsmann". Das Bildungsmuster ist nicht neu - seit langem gibt es Gabis und Mannis, Muttis und Fiffis, Pullis und Mausis.

Abschnitt 11
Guter Stil gewinnt
Das Deutsche lebt. Es hat hochsprachliche Normen, doch unterhalb dieser Normen und neben ihnen gedeiht allerhand, was ihnen nicht entspricht. Die Dialekte sind sehr lebendig, nicht nur in der Schweiz und in der Provinz. Das Deutsche verändert sich, es nimmt Neues auf und lässt Altes hinter sich, vor allem im Wortschatz. Manche Veränderungen sind problematisch, etwa die Inflation englischer Vokabeln in bestimmten Bereichen und die Rechtschreibreform. Darüber wird viel gestritten. Aber es gibt auch Bemühungen, guten Sprachgebrauch und vorbildlichen Stil zu fördern. Dafür werden Preise vergeben, der Deutsche Sprachpreis etwa, der 2003 an die Kolumne "Das Streiflicht" der Süddeutschen Zeitung ging, oder der Jacob-Grimm-Preis, der heuer (süddeutsch für "dieses Jahr") dem Gelehrten Christian Meier verliehen wurde. Es gibt nicht nur schlimme, sondern auch erfreuliche Nachrichten von der deutschen Sprache. Voll krass, ey!

Abschnitt 12
Alice Schwarzer
"Sprache ist der Stoff, in dem wir denken und fühlen. Sprache ist nicht neutral und formt unsere Gedanken. Feministische Sprachforscherinnen haben bewiesen, wie ,männlich' unsere Sprache ist. Neue Gedanken von Frauen brauchen neue Begriffe." Die prominente Feministin und Chefredakteurin der "Emma" hat 1994 den ersten "Feministischen Thesaurus" auf Deutsch mit herausgegeben

Abschnitt 13
Charlotte Roche
"Ich komme mir nicht so vor, als würde ich ständig krasse Sachen von mir geben." Aber genau dafür lieben sie die Fans. "Charlotte Deutsch" ist eine Mischung aus Sprachwitz, Frechheit, Einfallsreichtum. "Na, ihr Rüben. Passt auf, dass ihr mit dem Gesicht nicht in den Mixer kommt." Die Kultmoderatorin, in England geboren, in Deutschland aufgewachsen und perfekt zweisprachig, führt die spritzigsten TV-Interviews

Abschnitt 14
Kaya Yanar
"Der deutsch-türkische Slang vereinfacht, wo die deutsche Sprache zu umständlich ist. Wenn du ein paar Schlagworte raushaust und die Präpositionen weglässt, kommt der Sinn flotter rüber. Ich bin mit Deutschen, Türken, Griechen aufgewachsen und wir haben uns übereinander lustig gemacht: Ey, du Grieche, ist doch kein Deutsch, wie du redest. Aber immer spielerisch, nie verletzend." Der Comedian stammt aus einer türkischarabischen Familie, wurde in Frankfurt geboren. Über seine "Ethno-Comedy" lachen Ausländer und Deutsche

Abschnitt 15
Gayle Tufts
"There are two Welten in my heart". Im "Dinglish", einer abenteuerlichen Mischung aus Deutsch und Englisch, finden sie zusammen. Gayle Tufts hat so ihre eigene Sprache erfunden. Und ihr Markenzeichen. Die amerikanische Entertainerin wohnt seit zwölf Jahren in Berlin. Ihre Auftritte leben vom deutsch-englischen Kauderwelsch, das sie perfekt beherrscht

Fotos: Naegele/laif; Pro Sieben Television GmbH; Ralf Juergens