DRIN SEIN IST BEI VIELEN OUT
Weniger als die Hälfte der Deutschen nutzen das Internet
Abschnitt 1
Internet 2002: "Deutschland und die digitale Welt" heißt die Studie, und je nach Betonung des Titels könnte man annehmen, Deutschland gehöre gar nicht dazu, zur digitalen Welt. Tatsächlich stützen die Zahlen, welche die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen am heutigen Mittwoch veröffentlicht, diese Lesart.
Abschnitt 2
Nur 48 Prozent der Deutschen zwischen 14 und 75 Jahren sind nach repräsentativen Umfragen "drin", vor allem die Wohlhabenden, Gebildeten, Jüngeren, und eher Männer als Frauen. Die meisten von ihnen leben auf der Linie zwischen Schleswig-Holstein und Bayern, wie die Lobby-Organisation "Initiative D21" schon vor einem Jahr berichtete. Vor allem im Osten, aber auch in Nordrhein-Westfalen seien die Nutzer unterrepräsentiert.
Abschnitt 3
Diese Spaltung scheint sich zu festigen. Mehr als 80 Prozent der "Offliner" wollen das Internet auch in den nächsten zwölf Monaten nicht nutzen, so die Düsseldorfer Studie. Und von denen, die den Einstieg planen, bleibt laut dem Ergebnis mehrerer Studien die Hälfte dann doch draußen. Als Gründe werden die hohen Kosten genannt, Probleme mit der Bedienung der Geräte, Angst vor dem Datenmissbrauch im Netz und ein nichterkennbarer persönlicher Nutzen.
Abschnitt 4
Wer hingegen "drin" ist, kann diesen Nutzen genau benennen. Vor allem die E-Mail und andere Formen der Kommunikation werden intensiv genutzt, weniger dagegen neue Services, etwa beim so genannten E-Commerce. Zwar hat die Hälfte der "Onliner" schon etwas im Internet bestellt, aber nur jeder Siebte tut es häufig oder regelmäßig.
Abschnitt 5
Dagegen besuchen viele die Informationsangebote im Internet. Die Sorge, deswegen würde weniger Buch oder Zeitung gelesen, konnte die Studie jedoch zerstreuen. Das Netz ersetzt auch nicht das Treffen mit Freunden oder den Sport, wie oft befürchtet, wohl aber das Fernsehen. Internet-Nutzer zweigen ihre eine Online-Stunde am Tag fast vollständig vom TV-Konsum ab. Sie sitzen allein am Computer und verbringen daher eine Stunde weniger mit ihrer Familie.
Abschnitt 6
Diese Gewohnheit halten die Autoren der Studie bei Jugendlichen für bedenklich. In sieben von zehn Fällen nämlich gehen Kinder ohne Aufsicht ins Netz. Nur jeder zehnte Erwachsene setzt sich neben seinen surfenden Sprössling, andere vertrauen auf Filterprogramme oder Verbote.
Abschnitt 7
"Ungehinderter als über jedes andere Medium erreichen riskante Angebote die Haushalte, zugleich geschieht dies für die überwiegende Zahl der Familien unter Ausschluss elterlicher Kontrolle", sagt Joe Groebel vom Europäischen Medieninstitut, das an der Studie mitgearbeitet hat.
Abschnitt 8
Die Autoren sprechen noch eine weitere Warnung aus: dass ohne Steuerung die Kluft zwischen Internet-Usern und Nicht-Nutzern bestehen bleibe. "Das Internet verfügt nicht über das Potenzial, schichtspezifische Unterschiede zu revidieren. Es verstärkt sie sogar weiter", sagt Gernot Gehrke vom Europäischen Zentrum für Medienkompetenz, das auch an der Studie beteiligt war. "Um das zu ändern, müssen wir insbesondere Menschen mit geringem Bildungs- und Einkommensniveau ansprechen."
Abschnitt 9
Dem soll ein 10-Punkte-Katalog dienen, der zum Beispiel einfachere Geräte und niedrigere Verbindungskosten fordert. Denn viele Beobachter stellen den Umgang mit Computer und Internet inzwischen auf eine Stufe mit klassischen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen.
Christoph Schrader
Süddeutsche Zeitung, 28. Mai 2003