Universität Porto
Deutsch III
Anette Kind/Ulrich Kamien
Kubus 52 (Film 2): Europa der Übersetzer (Länge ca. 12.30 Minuten)
Arbeitsblatt
Lesen Sie sich zuerst die Hintergrundinformationen durch. Beantworten Sie anschließend die folgenden Leseverständnis-Fragen:
Hintergrundinformation
Im Jahre 1949 wählte der Europarat die erste heute noch existierende europäische Institution, die Stadt Straßburg zu ihrem Hauptsitz. Deshalb und wegen der zentralen Lage der Stadt in Mitteleuropa, entschlossen sich ab 1958 auch die Länder der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG (des Vorläufers der Europäischen Union), den Sitz eines ihrer Gremien nach Straßburg zu legen. Sie nannten es das "Europäische Parlament", obwohl die Abgeordneten erst seit 1979 in freien Wahlen von der Bevölkerung der einzelnen Länder demokratisch legitimiert waren. Damit ist das Europaparlament bislang das einzige demokratisch gewählte Organ im zusammenwachsenden Europa.
Das europäische Parlament in Straßburg vereinigt den Kontinent durch politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenarbeit. Doch ist es im Gegensatz zu anderen überstaatlichen Zusammenschlüssen ein Phänomen: Jeder Mitgliedsstaat besteht auf seine Landessprache als Kommunikationsmedium - und das nicht ohne Grund: Da jeder Bürger der europäischen Union das Recht hat, demokratisch als Mitglied des Parlaments gewählt zu werden, kann von ihm nicht erwartet werden, dass er fließend eine gemeinsame Sprache spricht, wie es etwa von Diplomaten und EU-Beamten verlangt wird. So hat jedes Parlamentsmitglied das Recht, in der eigenen Landessprache zu referieren. Die Folge ist eine Sprachvielfalt, eine Auseinandersetzung in 11 Landessprachen, ausgetragen auf den Schultern der Übersetzer und Simultan-Dolmetscher.
Praktisch alle Sitzungen des Europäischen Parlaments werden simultan gedolmetscht, und zwar in entsprechend ausgestatteten Sitzungssälen, wo die Dolmetscher in Teams von mindestens zwei Personen pro aktiver Sprache arbeiten. Für Sitzungen mit Simultandolmetschen in sechs oder mehr Sprachen müssen drei Dolmetscher pro Sprache in einer Kabine eingesetzt werden. Die Mehrzahl der Dolmetscher übersetzt aus mindestens drei Amtssprachen in die jeweilige Muttersprache. Nun muss jeder offiziell ausgesprochene Satz in jede der Landessprachen übersetzt werden, ob vom Englischen ins Französische, vom Finnischen ins Portugiesische oder vom Niederländischen ins Griechische. Die "Direktion Dolmetschen" beschäftigt ungefähr 240 festangestellte Simultandolmetscher sowie freiberufliche Dolmetscher, von denen je nach Bedarf 200 bis 500 pro Tag im Einsatz sind. Sie pendeln gemeinsam mit den Abgeordneten zwischen Straßburg, wo die meisten Plenarsitzungen stattfinden, und Brüssel, wo sich die Abgeordneten zu Ausschusssitzungen und Fraktionssitzungen treffen. Der Übersetzerdienst, der zur Übertragung des anfallenden Schriftgutes in alle Verkehrssprachen benötigt wird, hat seinen Sitz in Luxemburg. Hier sind außer den Freiberuflern 600 Übersetzer fest angestellt. Allein der Übersetzungsdienst der EU-Kommission muss pro Jahr rund 1,2 Millionen Seiten bewältigen. Das entspricht einem Papierturm von 120 Metern Höhe. Derzeit besteht ein Rückstau von etwa 121.000 Seiten. Sicherlich stellt sich die Frage, ob sich der Aufwand lohnt, ob es nicht eine gemeinsame Verkehrssprache geben sollte, wie noch im abendländischen Mittelalter das Latein oder heutzutage im internationalen Business das Englisch. Nach dem von der Arbeitsgruppe vorgelegten und vom Parlamentspräsidium gebilligten Vorschlag sollen im EU-Parlament grundsätzlich zwar alle Sprachen der Mitgliedsländer verwendet werden. Einige davon erhalten aber den Status einer so genannten Relais-Sprache, über die ein Teil der Übersetzungen erfolgt. Wenn zum Beispiel kein Dolmetscher direkt vom Portugiesischen ins Finnische übersetzen kann, soll er eine andere Sprache - etwa Englisch, Französisch oder Deutsch - als Zwischenstufe benutzen.
Mit den schönsten Übersetzungsfehlern aus fast fünfzig Jahren Straßburger Dialog ließen sich Bände füllen. Ein eigenes Kapitel müsste missglückten Ausflügen ins Tierreich vorbehalten sein: Die "transports internationals routiers", auf den Lastwagen T.I.R. abgekürzt, übersetzte ein deutscher Abgeordneter als TiR-Transporte. In der Kabine wurden daraus Tiertransporte: transports des animaux. Ein britischer Abgeordneter verglich das Tempo in einer hitzigen Debatte mit dem Rafting auf wilden Flüssen: shooting rapids (Stromschnellen). Doch die deutsche Dolmetscherin hörte rabbits - Kaninchen. Darauf wünschte ein deutscher Abgeordneter zur Verwirrung des Redners: »Waidmannsheil!« Und als das Parlament den Rat der Weisen (Französisch: sages) einsetzen wollte, um Missstände bei der Kommission aufzudecken, wurde aus den »Drei Weisen« (trois sages) die »Drei Affen« (trois singes).
Die Vielsprachigkeit im Europaparlament soll auch nach der EU-Osterweiterung erhalten bleiben. Jeder Abgeordnete müsse das Recht haben, sich schriftlich und mündlich in seiner Muttersprache auszudrücken, weshalb sich das Parlament darauf einstellen muss, dass bereits 2004 mit zehn neuen Staaten auch zusätzliche Sprachen in der EU gesprochen werden: Estnisch, Lettisch, Litauisch, Polnisch, Tschechisch, Slowakisch, Ungarisch und Slowenisch, eventuell Maltesisch - später werden noch Bulgarisch und Rumänisch, eventuell auch Türkisch dazukommen. Damit müsste jeder Text in über 20 weitere Sprachen übersetzt werden, bei Simultanübersetzungen stets mindestens ebenso viele Dolmetscherteams zur Verfügung stehen. Damit wird die Bedeutung der Relaissprachen im Dolmetscher- und Übersetzerdienst zunehmen.
Goethe-Institut 2003
Aufgabe 1: Textverständnis
1. Warum wurde das europäische Parlament nach Straßburg gelegt? (2 Gründe!)
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2. Was fand im Jahre 1979 statt?
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3. Worin besteht ein Unterschied zu anderen überstaatlichen Organisationen?
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4. Welchen Grund gibt es für die Sprachenvielfalt im Europaparlament?
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5. Was wird in nahezu allen Sitzungen des Europäischen Parlaments gemacht?
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6. Wann müssen mindestens drei Dolmetscher pro Sprache in einer Kabine eingesetzt werden?
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7. Werden alle offiziell gesprochenen Texte in alle Sprachen übersetzt?
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8. Arbeiten die Dolmetscher nur in Straßburg?
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9. Wo werden die Texte des Europäischen Parlaments übersetzt?
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10. Welche Frage stellt sich bezüglich einer Einheitssprache für alle Europaparlamentarier?
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11. Was ist eine Relais-Sprache?
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12. Womit ließen sich viele Bücher füllen?
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13. Wird es mit der Osterweiterung eine Veränderung dieser Sprachenpolitik geben?
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14. Was passiert, wenn alle neuen und zukünftigen Staaten in die EU gekommen sind/kommen?
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15. Was wird sich dann vermutlich verändern?
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Aufgabe 2: Hörverstehen
Wenn Sie wollen, teilen Sie sich den Text in drei jeweils etwa vierminütige Abschnitte ein!
Teil 1: bis 3'59 Min, Äußerung einer Abgeordneten; Beginn "Bruxelles"
Teil 2: bis 8'08 Min; dritte Äußerung von Ursula Eichin (bis Zitat: "...Den bekommt der Übersetzer zurück - zur Korrektur.")
Teil 3: bis zum Ende des Films
1. Woran arbeiten die Mitgliedsländer der Europäischen Union?
(a) am Europa der Zukunft (b) an einem wirtschaftlich prosperierenden Europa
(c) an einem gemeinsamen Europa (d) an gesellschaftlichen Veränderungen
2. Wie wäre die Arbeit im Parlament ohne die Übersetzungen der Simultandolmetscher?
(a) problematisch für die Parlamentsarbeit (b) nicht zu bewältigen
(c) eine ständige Fehlerquelle (d) ein heilloses Durcheinander
3. Welche Voraussetzung braucht ein Europaparlamentarier nicht mitzubringen?
(a) ein Hochschulstudium (b) Sprachen zu können
(c) gearbeitet zu haben (d) Politiker gewesen zu sein
4. Was haben sich die Abgeordneten laut Jürgen Martschin abgewöhnt?
(a) Mehrsprachigkeit (b) Wortspiele
(c) Fremdsprachen zu sprechen (d) Humor
5. Was geschieht mit Witzen, die die Parlamentarier erzählen?
(a) sie werden oft nicht übersetzt (b) sie werden nicht verstanden
(c) sie sind im Parlament nicht erwünscht (d) über sie wird selten gelacht
6. Wobei sind Fremdsprachenkenntnisse für Abgeordnete hilfreich?
(a) beim Small-Talk (b) am Rande der Sitzungen
(c) für das kulturelle Verständnis (d) bei Restaurantbesuchen
Ende 1. Teil, Äußerung einer Abgeordneten, bis "Bruxelles"
7. Als was bezeichnet Karin Junker die Abgeordneten?
(a) als Zigeuner (b) als Wanderarbeiter
(c) als reiselustig (d) als multikulturelle Gesellschaft
8. Welchen Unterschied sieht Karin Junker zu den nationalen Parlamenten?
(a) man hält mehr zusammen (b) man spricht öfter miteinander
(c) man hat mehr private Kontakte untereinander (d) man ist toleranter
9. Welche Bezeichnung hat Jürgen Martschin für Dänisch?
(a) Mangelsprache (b) unbedeutende Sprache
(c) Dialektsprache (d) Sprache der 2. Kategorie
10. Wie arbeiten die Übersetzer?
(a) mit Übersetzungsprogrammen (b) sekundenschnell
(c) ständig unter Druck (d) auf die Distanz
11. Aus wie vielen Sprachen übersetzt Ursula Eichin ins Deutsche?
(a) aus vielen Sprachen (b) aus vier Sprachen
(c) aus elf Sprachen (d) aus vierzehn Sprachen
12. Was schreibt die Sekreärin?
(a) einen Entwurf (b) einen Vorschlag
(c) eine Abschrift (d) ein Protokoll
Ende 2. Teil, Äußerung von Ursula Eichin: "...Den bekommt der Übersetzer zurück - zur Korrektur."
13. Wie viele Sprachkombinationsmöglichkeiten gibt es nach der EU-Erweiterung im Jahre 2004?
(a) Hunderte (b) 180
(c) unzählige (d) an die tausend
14. Welchen Übersetzungsweg wird man zukünftig gehen?
(a) über Englisch (b) über Englisch oder Französisch
(c) über Relaissprachen (d) über sieben Kernsprachen
15. Als was bezeichnet Jürgen Martschin die Arbeit mit den dann 23 Sprachen?
(a) als diskussionswürdig (b) als nicht arbeitserleichternd
(c) als stressfördernd (d) als Herausforderung
16. Was könnte laut Jürgen Martschin bei der Übersetzung verloren gehen?
(a) der Humor (b) der Wortwitz
(c) die Spontaneität (d) das Direkte
17. Was soll erhalten belieben?
(a) die sprachliche Vielfalt (b) die sprachlichen Eigenheiten
(c) die kulturelle Eigenständigkeit (d) das Europa der Regionen
18. Was tun die Menschen im Europäischen Parlament laut Karin Jöns?
(a) nationale Aspekte vergessen (b) eine gemeinsame Sprache lernen
(c) europäisch denken (d) versuchen, sich gegenseitig zu verstehen